Wäre Simone Benz beim Ironman Switzerland in Zürich wie im Vorjahr als Amateurin an den Start gegangen, hätte sie das Ticket für die Ironman-Weltmeisterschaft von Oktober locker gelöst. In 9:29:44 Stunden unterbot die 30-Jährige die Siegerzeit (9:48:34) in der entsprechenden Alterskategorie (F30-34) um knapp 20 Minuten. Stattdessen zog es die Horgnerin vor, erstmals bei den Profis mitzumischen.
Ihr Mut wurde jedoch nicht belohnt. Benz verbesserte sich zwar gegenüber 2009 um gut drei Minuten und zwei Plätze auf den 4. Rang der Overall-Rangliste; ihre Leistung reichte jedoch nicht, um sich einen Startplatz auf Hawaii zu ergattern. Dazu wäre Platz 1 oder 2 nötig gewesen. «Ich weiss nicht so recht, ob ich enttäuscht sein soll oder nicht. Es war mir ja klar, dass es schwierig werden würde. Allerdings bestand eine realistische Chance. Leider konnte ich meine Leistung nicht zu 100 Prozent abrufen», erläutert die Staatsanwältin, die ihr Arbeitspensum seit Anfang Juli dem Sport zuliebe auf 50 Prozent reduziert hat, ihre Abwägungen. Beim Laufen viel Zeit eingebüsst
Die Gründe für ihr «Scheitern» hatte Benz schnell ausgemacht. Zuerst war es ein heftiger Fusstritt, der sie im Getümmel auf der Schwimmstrecke am Kopf traf und sie Zeit kostete («weil die Brille verrutschte, verlor ich den Anschluss an eine schnelle Männergruppe, worauf ich mich allein durch die Wellen kämpfen musste»). Nachher verlor sie beim Wechsel aufs Velo wertvolle Sekunden, als sie den Seeausstieg nicht sofort fand. Am gravierendsten wirkten sich jedoch muskuläre Probleme, wohl herrührend von einem Trainingsunfall im vergangenen Herbst, aus. Damals war die Horgnerin zwei Wochen vor der Ironman-WM beim Velofahren von einem Auto «abgeschossen» worden. Beim Sturz verschob sich ihr Becken, ein Halswirbel wurde gestaucht, zudem brach sie sich einen Finger und zog sich eine tiefe Wunde an einem Knie zu. «Wahrscheinlich ist die Fehlstellung des Beckens in Verbindung mit dem intensiven Training im Winter die Ursache der aktuell auftretenden muskulären Beschwerden», erklärt die Athletin vom linken Zürichseeufer.
An ein Lauftraining war deshalb in den vergangenen zwei Monaten nicht zu denken. An Stelle dessen spulte Benz mehr Kilometer mit dem Velo ab. Dies wirkte sich auf die Abschnittzeiten aus. Den Radparcours legte die 30-Jährige rund sieben Minuten schneller zurück als im Vorjahr. Dafür baute sie im abschliessenden Marathon zusehends ab. «Das Laufen war die reinste Qual», erinnert sich Benz zurück. In 3:21:11 Stunden blieb sie rund 2 Minuten über der letztjährigen Zeit und gar 11 über der persönlichen Zielvorgabe. «Ich ging als Zweite hinter der überragenden Karin Thürig auf die Laufstrecke und wollte diesen Platz unbedingt halten. Doch es ging nicht. Die Beine schmerzten immer stärker, was sich auch negativ auf die Psyche auswirkte.» So zogen bis zum Ziel noch zwei Konkurrentinnen an ihr vorbei. «Werde es erneut versuchen»
Ihr grosses Saisonziel hat Simone Benz somit verpasst. Es gäbe zwar noch Möglichkeiten, Verpasstes nachzuholen. Aber entweder sind die Events zu kurz nach Zürich oder zu knapp vor der WM datiert. «Ich muss mich damit abfinden, diesmal nur als Betreuerin (ihres Freundes Reto Brändli, der sich als Elfter der Alterskategorie M30-34 qualifiziert hat, Red.) nach Hawaii zu fliegen. Aber dies hat auch seine Vorteile, nämlich, dass ich diesmal Zeit habe, die Insel zu erkunden», spielt Benz auf ihre Premierenteilnahme im Vorjahr an. Nach dem Trainingsunfall auf Krücken angewiesen, verbrachte sie damals nämlich die meiste Zeit im Hotelzimmer.
Dass sie dann trotz anderslautender Prognosen - die Ärzte sprachen von einer mehrmonatigen Pause - am Wettkampf teilnehmen und diesen sogar als Zweite ihrer Alterskategorie beenden konnte, grenzte fast an ein Wunder, zeugt aber auch von der ungeheuren Willenskraft der 30-Jährigen. Benz lässt sich weder von Verletzungen noch der verpassten WM-Qualifikation unterkriegen. «Nächstes Jahr werde ich es wieder versuchen», sagt sie bestimmt. Dies trotz des neuen Qualifikationssystems, das ab September zur Anwendung kommen wird. «Wie ich gehört habe, wird das Profifeld auf 30 Teilnehmer beschränkt, wobei man sich nicht mehr durch ein einzelnes Rennen qualifizieren kann, sondern bei mehreren Wettkämpfen Punkte sammeln muss (die besten fünf Resultate sind massgebend, Red.). Dies hat einen entsprechend höheren Aufwand zur Folge.» Für sie, die weiterhin berufstätig bleiben wolle, wirke sich das erschwerend aus. |