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RATGEBER
 
MDR1
vom 28.06.10
Felizian Kuster*
 

Zitternd und speichelnd steht der weisse Schäferhund im Wartezimmer. Zwar kann er noch selbstständig in den Behandlungsraum gehen, aber sein Gang ist unkoordiniert. Der Hund leidet seit einigen Tagen an Durchfall und zeigt heute auch neurologische Symptome wie die beobachtete Ataxie. Der Besitzer glaubt, dass sein Vierbeiner vergiftet worden sei. Im Gespräch wird klar, dass er seinem Hund am Vortag wegen des Durchfalls Imodium-Tabletten verabreicht hat. Zwar kann das für Menschen bestimmte Medikament gegen Diarrhö auch bei Hunden mit Erfolg angewendet werden. Aber für einzelne Hunde bestimmter Rassen kann Loperamid, der Wirkstoff von Imodium, stark toxisch sein. Diese Tiere sind Träger eines Gendefekts im Multidrug Resistance Transporter, abgekürzt MDR1. Dieser Transporter sitzt in den Zellwänden der Blutgefässe im Gehirn und hat die Aufgabe, Toxine, die Nervenzellen schädigen, am Übertritt ins Gehirn zu hindern. Diese Barriere findet sich auch in Hoden und Plazenta. In Leber, Niere und Darm ist MDR1 für die Ausscheidung von Giften verantwortlich.

Es sind verschiedene Medikamente als kritisch oder giftig für Träger des MDR1-Gendefekts erkannt worden. Die Toxizität ist zwar dosisabhängig, bei den meisten Wirkstoffen kann aber die normale therapeutische Dosierung, die gesunde Tiere ohne weiteres vertragen, fatal wirken. Vertreter findet man bei Herzmedikamenten und Blutdrucksenkern, einigen Antibiotika und Antimykotika und anderen mehr. Diese Medikamente sind aber nicht so toxisch wie Loperamid oder Avermectine, eine Gruppe Antiparasitica.

Langhaar-Collies und ihre Mischlinge sind häufig Träger des MDR1-Defekts; ein Drittel der Hunde dieser Rasse ist betroffen, bei den American Collies sogar fast alle. 16% der Langhaar-Whippets, 6% der Australian Shepherd, 2,3% der weissen Schäfer und 0,3% der Border Collies sind ebenfalls reinerbige, sogenannt homozygote Träger, bezeichnet mit MDR1-/-. Insgesamt kennt man um die 30 Hunderassen, bei denen Trägerlinien vorkommen. Glücklicherweise kann heute mittels DNA-Bluttest festgestellt werden, ob ein Hund reinerbig von diesem Gendefekt betroffen ist. Diesen Tieren sollte man auf keinen Fall Loperamid und gewisse Avermectine verabreichen; die übrigen Wirkstoffe sollten nur nach strenger Indikation gegeben werden. Sind Hunde heterozygot, also MDR1+/-, vererben sie zwar nach Mendel?schen Regeln einem Teil ihrer Nachkommen das defekte Gen, erkranken aber selber nicht oder nur bei hoher Dosierung.

Der weisse Schäfer hat Glück. Er bekam nur eine tiefe Dosis Imodium und erholt sich unter symptomatischer Therapie wieder vollständig.

 
* Felizian Kuster ist Tierarzt und führt seit über 25 Jahren eine eigene Tierarztpraxis.
 



 
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