Zürcherland Zeitung
   Donnerstag, 09. September 2010    Abo: häufige Fragen    Redaktionsadressen    e-Paper-Login
Zürichsee-Zeitungen
STELLEN
Suchen
Inserieren       
 
IMMOBILIEN
Suchen
Inserieren       
 
    Verlag: Zürichsee Presse AG, Seestrasse 86, 8712 Stäfa, Tel. 044 928 51 11, Fax 044 928 55 20
   abo@zsz.ch webmaster@zsz.ch
 

KOMMENTAR
 
Samstag, 24. Juli 2010
Dieser Strich passt nicht ins Bild
In der Stadt Zürich ist der Strassenstrich am Sihlquai ausser Kontrolle geraten. Am einfachsten wäre es, ihn zu schliessen.
Thomas Marth
 


Zürich, an Attraktionen nicht arm, hat einen neuen Hingucker. Seit Jahren am Sihlquai angesiedelt, aber bis vor einiger Zeit nicht weiter aufgefallen, ist der dortige Strassenstrich mittlerweile zu nationaler Bekanntheit gelangt. Nicht, dass etwas speziell anders wäre als früher - es ist schlicht so, dass die Zahl der sich dort anbietenden Frauen ein bisher nicht gekanntes Ausmass angenommen hat. Hinzu kommt die Unverblümtheit, mit der sie ihre Reize zur Schau stellen - sei es, um sich angesichts der grossen Konkurrenz abzuheben, oder vielleicht einfach, weil es der Gepflogenheit entspricht, welche die Frauen von anderen Einsatzorten kennen. Aus bewilligungstechnischen Gründen arbeiten die meisten von ihnen nicht länger als drei Monate in Zürich. Dann müssen sie sich nach einem neuen Standort umsehen - oder jemand anderes tut es für sie.


Zürich sieht sich gerne als kleine Weltstadt: Nichts, was die Metropolen dieser Erde zu bieten haben, das Zürich nicht auch zu bieten hätte - halt einfach in kleinerem Massstab. In dieses Weltbild passte der alte Sihlquai, an dem man die vereinzelten Damen in kurzem Jupe und auf hohen Absätzen eher en passant wahrnahm - so man(n) sich denn en passant befand. Die anderen vollzogen im Schummerlicht diskret, wofür sie gekommen waren. Heute animiert das Spektakel auf den Troittoirs zum Gaffen - und gerät je nachdem zum Ärgernis für jene auf der Durchfahrt. Auch der diskrete Vollzug ist nicht mehr gewährleistet - aus nachvollziehbaren Gründen. Erstens fallen dort, wo sich so viele nur für das eine tummeln, die Hemmungen; zweitens werden die schummrigen Plätzchen rar. Es wird von Ausweichmanövern ins nahe Wohnquar- tier berichtet. Kurz: Der Sihlquai ist zum Monsterstrich mutiert und passt definitiv nicht mehr ins Selbstverständnis der kleinen Weltstadt.

Erinnerungen an den Platzspitz


Vergleiche zum Platzspitz, der vor 20 Jahren als Needle-Park berühmt-berüchtigt wurde, drängen sich auf. Parallelen bestehen insofern, als bei Drogen wie beim käuflichen Sex ganz offensichtlich nicht allein die Nachfrage das Angebot bestimmt, sondern auch das Angebot die Nachfrage. Eine weitere Übereinstimmung liegt darin, dass die Akteure, die das Geschehen bestimmen, irgendwo weit weg und damit nicht greifbar sind. Denn es ist kaum anzunehmen, dass die jungen Frauen - oft Roma, die vor allem aus Ungarn und Rumänien anreisen - selber auf die Idee gekommen sind, sich gerade am Zürcher Sihlquai zu prostituieren. Jemand muss das organisieren und verdient damit viel Geld. Dass sich am Sihlquai teils auch Frauen anbieten, die von Menschenhändlern dazu genötigt werden, liess sich bisher nicht beweisen - ist aber auch schwer beweisbar. Denn die Frauen haben Angst. Ende August wird sich in einem Prozess gegen mutmassliche Roma-Zuhälter vor dem Bezirksgericht Zürich weisen, ob sich die Mauer des Schweigens erstmals durchbrechen lässt.


In einem entscheidenden Punkt gibt es freilich keine Parallele: Weder die Frauen noch die Freier tun am Sihlquai etwas, das verboten wäre. Was es für die Stadt nicht einfach macht, etwas gegen die offensichtlichen Missstände zu unternehmen. Fest steht nur so viel: Auf die Hilfe des Kantons kann sie dabei nicht zählen. Das kantonale Amt für Arbeit hat kürzlich eigens eine Medienkonferenz einberufen, um darzulegen, warum.


Der Einfachheit halber erteilt es den Frauen - ob sie nun in einem Klub oder auf der Strasse tätig sind - Drei-Monats-Bewilligungen für Selbständige gemäss Freizügigkeitsregelung mit der EU. Dies im Wissen, dass die wenigsten Frauen selbständig arbeiten. Wolle man den Strich über Kontingente für die Frauen eindämmen, so wurde erklärt, müssten diese als unselbständig Erwerbende behandelt werden. Damit müsste man aber auch den Inländervorrang und die Branchenüblichkeit ihres Verdienstes abklären - wozu man nicht imstande sei. Zudem seien Kontingente ohnehin nur für Bürgerinnen aus den neuen EU-Staaten möglich. Von dort kommen zwar die meisten Frauen, indes soll auch im Verhältnis mit ihren Heimatstaaten bald die volle Freizügigkeit gelten. Und dann seien Einschränkungen ohnehin nicht mehr möglich.

Immer genügend «Frischfleisch»


Inländervorrang heisst, dass eine Bewilligung nur erteilt wird, wenn nicht genügend ebenbürtig qualifizierte Schweizer oder Bürger aus den alten EU-Staaten für eine Arbeit zur Verfügung stehen. Fragt sich, ob der Vorrang in diesem Bereich nicht generell gegenüber Osteuropäerinnen geltend gemacht werden könnte. Das würde die Lage wenigstens vorübergehend beruhigen. Ansonsten bleibt die Erkenntnis: Der Kanton findet die Situation zwar unerfreulich, sorgt aber mit seiner Drei-Monats-Regelung dafür, dass stets genug «Frischfleisch» am Markt ist.


Allerdings ist es auch möglich, einen Strassenstrich mit Massnahmen vor Ort einzudämmen - dazu gehören etwa die Installation von Lampen und Kameras und eine erhöhte Polizeipräsenz. Gleiches wäre zu überlegen, sollte der Strich an einen Ort ohne Durchgangsverkehr verlegt werden. Am einfachsten wäre es freilich, den Sihlquai zu schliessen und zwecks Vermeidung von Verlagerungseffekten gleich die ganze Stadt zur strichfreien Zone zu erklären. Wäre es ein Unglück? Es wäre sicher ungerecht dem gegenüber, der sich die im Sexclub anfallenden Zusatzkosten nicht leisten kann. Auf die Ratings punkto Lebensqualität, in denen Zürich jeweils bestens abschneidet, hätte es aber keinen Einfluss. Das Vorhandensein eines Strassenstrichs ist hier kein Kriterium.

 
ANZEIGE
 
Schneider Optik


 
updates: täglich / last major: august 2008 / konzept, design und realisation: zürichsee presse ag / peter gut / webmaster