Seit 37 Jahren arbeitet Christoph Kilchsperger als Lehrer. In dieser langen Zeit hat sich sein Alltag stark verändert. Heute verbringt er einen Grossteil seiner Arbeitszeit mit Gesprächen - er spricht mit Eltern, Kollegen, Heilpädagogen, Schulsozialarbeitern und Schulpflegern, wie er dieser Zeitung sagte. Viele Absprachen sind durch neue Formen des Unterrichts wie zum Beispiel Projekt- oder Atelierarbeit nötig geworden. Hinzu kommt: Die Jugendlichen im Erlenbacher Schulhaus Oberer Hitzberg haben ganz unterschiedliche kulturelle Hintergründe, viele sind fremdsprachig. Im Rahmen des Sonderpädagogischen Konzepts muss Kilchsperger auch lernschwache und leicht behinderte Kinder in der Regelklasse unterrichten. Zwar ist der erfahrene Pädagoge noch immer fasziniert vom direkten Kontakt mit den Oberstufenschülern im Unterricht - dennoch sagt er: «In einem nächsten Leben würde ich nicht mehr Lehrer werden.»
So wie Christoph Kilchsperger geht es Tausenden von Lehrerinnen und Lehrern im Kanton Zürich: 3600 von ihnen haben kürzlich in einer Petition gefordert, die Pflichtstunden von heute 28 Lektionen auf 26 Stunden pro Woche herabzusetzen. Und 1200 von ihnen haben sich in der Protestgruppe «Schule im Sinkflug» auf der Internetseite Facebook vereint. Die Stossrichtung lautet da: «Zu wenig Zeit für Unterricht und Betreuung schadet den Kindern.»
Die Missstände sind evident Den Lehrerinnen und Lehrern wird seit je nachgesagt, dass sie gerne über die Arbeitsbelastung klagen. Daher werden sie heute kaum mehr gehört. Tatsächlich hat in den letzten Jahren die Arbeitsbelastung in vielen anderen Branchen ebenfalls merklich zugenommen. Überlastet scheint jeder, der danach gefragt wird. Auch das ist den Anliegen der Lehrerschaft derzeit nicht förderlich. Dabei muss es zu denken geben, dass kurz vor Beginn des neuen Schuljahres im Kanton Zürich fast 300 Klassen noch ohne Lehrperson dastehen. Aussergewöhnlich viele Lehrer scheinen dieses Jahr ihren Beruf an den Nagel gehängt zu haben, und wenige neue haben sich für den Berufseinstieg entschieden. Die Missstände im Bildungswesen sind also evident und lassen sich nicht mehr als simples Wehklagen einiger ferienverwöhnter Sandalenträger abtun.
Bildungsdirektoren aller Kantone grübeln über der Frage, wie man den Lehrerberuf wieder attraktiv machen kann - und suchen schon mal Lehrkräfte im benachbarten Ausland. Im Kanton Zürich soll ein Projekt namens «Belastung - Entlastung im Schulfeld» aufzeigen, welche neuen Aufgaben die Pädagogen am meisten drücken und wie dieser Druck reduziert werden kann. Regierungsrätin Regine Aeppli hat erste Resultate für kommenden Herbst angekündigt. Ausserdem soll ein neues Besoldungssystem dafür sorgen, dass Junglehrer künftig besser bezahlt werden und ältere Berufskollegen schneller den Maximallohn erreichen. Der Zürcher Kantonsrat muss die Gesetzesrevision jedoch noch absegnen.
Und schliesslich hat die Zürcher Bildungsdirektion erkannt, dass der Reformwille an der Volksschule weit über Pädagogenkreise hinaus eingebrochen ist: Nur so ist es zu erklären, dass Regine Aeppli vor zwei Wochen in einer spektakulären Kehrtwende das sonderpädagogische Konzept gestoppt hat und es fortan den einzelnen Gemeinden überlassen will, ob sie schwierige Schüler in Sonder- oder Regelklassen unterrichten will.
Zusatzverpflichtungen reduzieren Die Bemühungen aus der kantonalen Verwaltung kommen zwar spät, zielen aber in die richtige Richtung. Die erwähnte Belastungsstudie wird zweifellos aufzeigen, dass die Bürokratisierung des Schulalltags durch Befragungen, Konzepte, Projekte und Absprachen eine kritische Grenze erreicht hat. Diese Zusatzverpflichtungen müssen wieder reduziert werden. Im Gegenzug wäre es falsch - und vor dem Hintergrund der maroden Staatsfinanzen nicht zu verantworten -, wenn die Anzahl Pflichtstunden der Lehrer reduziert würde. Gerade im Bereich der Vorbereitung und Planung des Unterrichts müssen sich nämlich viele Pädagogen selber an der Nase nehmen. Sie müssen diese Arbeiten effizient und mit gesundem Augenmass abwickeln. Oder wie es der Chef des Zürcher Volksschulamts, Martin Wendelspiess, in einem Interview etwas prononciert ausdrückte: «Man kann jedes Arbeitsblatt noch ein bisschen perfekter und schöner machen.»
Auch an den moderaten Lohnerhöhungen, die Regine Aeppli vorgeschlagen hat - vertretbare Mehrkosten für den Kanton Zürich von 16 Millionen Franken -, führt kein Weg vorbei. Aber: Mehr Lohn auf dem Lehrer- konto allein verbessert mitnichten die Situation im Klassenzimmer. Weitere Mittel sollten viel eher in zusätzliches Personal investiert werden, das die Klassenlehrer im Alltag direkt entlasten kann.
Die Bildungsdirektorin wird im Zusammenhang mit dem Abbruch des Sonderpädagogik-Konzepts zwar nicht müde, zu betonen, dass die Kehrtwende keinesfalls einen «Dammbruch» in der Landschaft der Zürcher Bildungsreformen bedeute. Dennoch wird auch Aeppli zur Kenntnis genommen haben, dass die Reformoffenheit der 90er Jahre verflogen ist. Die umfangreichen Reformen der letzten Jahre müssen nun mit Ruhe und Bedacht umgesetzt werden.
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