Zürcherland Zeitung
   Donnerstag, 09. September 2010    Abo: häufige Fragen    Redaktionsadressen    e-Paper-Login
Zürichsee-Zeitungen
STELLEN
Suchen
Inserieren       
 
IMMOBILIEN
Suchen
Inserieren       
 
    Verlag: Zürichsee Presse AG, Seestrasse 86, 8712 Stäfa, Tel. 044 928 51 11, Fax 044 928 55 20
   abo@zsz.ch webmaster@zsz.ch
 

KOMMENTAR
 
Samstag, 29. Mai 2010
Erschreckende Hilflosigkeit im Golf
Völlig hilflos und überfordert reagiert die Welt auf die Ölpest im Golf von Mexiko. Doch mit weiteren Umweltkatastrophen ist zu rechnen ? wenn nicht die richtigen Lehren gezogen werden.
Stefan Schneiter
 


Ohne Energie wäre der Lebensstil nicht möglich, den die Menschen in westlichen Ländern, aber auch in andern Teilen der Welt, geniessen. An einen hohen Energieverbrauch haben wir uns gewöhnt, und das wird sich nicht so schnell ändern. Gemäss dem «World Energy Outlook 2010» der Internationalen Energieagentur wird der weltweite Energieverbrauch bis 2035 im Vergleich zu 2007 um 49 Prozent auf 126 Milliarden Barrel Öl jährlich steigen. Jahr für Jahr wächst gemäss dieser Prognose der Energieverbrauch um 1,4 Prozent. Das zeigt: Der globale Durst nach Erdöl und andern Energieträgern bleibt unersättlich. Die Energiereserven der Erde aber sind beschränkt. Um diese auszubeuten, sind ein zunehmend grösserer Aufwand, immer komplexere Technologie und ein stetig steigender Kostenaufwand nötig. Dabei steigt auch die Gefahr fataler Fehler und verheerender Unfälle - wie 1986 beim AKW Tschernobyl oder bei den in unschöner Regelmässigkeit auftretenden Tankerunfällen. Eben erst konnte mit knapper Not die weitgehende Zerstörung des Barrier Reefs vor Australien durch einen leckgeschlagenen Tanker verhindert werden. Nur wenige Tage später, am 20. April, explodierte die Ölbohrinsel «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko und sank. Seither hält diese Ölpest die Welt in Atem.

Immer tiefer, immer kühner


In den konventionellen Ölfeldern geht die Menge des geförderten Erdöls tendenziell zurück. Noch sind sich Experten nicht einig, ob der «Peak Oil», das Fördermaximum, nach dem die Ölförderung weltweit unwiderruflich zurückgehen wird, unmittelbar oder erst in 10 bis 20 Jahren bevorsteht - oder ob er bereits überschritten worden ist. Unabhängig davon sind die Zeiten der einfachen, mit geringem Aufwand zu betreibenden Förderung von Öl vorbei. Die Förderunternehmen reagieren darauf, indem sie - mit gigantischem, fragwürdigem Energieaufwand - Erdöl aus Sand an Kanadas Küsten extrahieren und immer tiefer im Meer nach neuen Ölquellen suchen. Dabei werden die Grenzen des Machbaren zusehends hinausgeschoben. «Immer tiefer, immer kühner» lautet das Motto der Ölbranche. 2007 etwa wurden in Brasilien riesige Erdölreserven entdeckt - 250 Kilometer vor der Küste, in einer Wassertiefe von über 3000 Metern und unter einer zwei bis drei Kilometer dicken Salz- und Gesteinsschicht. Der Fund weckte euphorische Gefühle, das Öl soll ab 2015 fliessen. Die hohen Risiken scheinen dabei vergessen zu gehen. Zum Vergleich: Das Bohrloch im Golf von Mexiko befindet sich «nur» 1500 Meter unter Wasser. Und schon da ist die heute bereitstehende Technik, um das Leck zu schliessen und das seit Wochen ausströmende Öl zu stoppen, völlig ungenügend, sind Rettungstruppen heillos überfordert. Dabei werden die Risiken der Offshore-Förderung immer grösser: gewaltiger Wasserdruck, Unberechenbarkeit von Stürmen und Meeresströmungen auf offener See. Hinzu kommen die Tempera- turen: Öl aus grossen Tiefen ist bis 350 Grad heiss, das Wasser hingegen kühl, sodass das Öl hart werden und die Rohre zerstören kann.

Umdenken ist nötig


Was lässt sich aus der Ölkatastrophe lernen? Der verheerende Unfall und die völlig unbeholfene Reaktion darauf zeigen, dass bei der Ölbranche bisher das Vordringen in neue technische Dimensionen Priorität genoss - auf Kosten der Umwelt. Es hat sich gezeigt, dass der BP-Konzern Sicher- heitsaspekte beim Bohren in der Tiefsee an der Grenze des technisch Beherrschbaren sträflich vernachlässigt hat. Hier gilt es Korrekturen vorzunehmen, technischer wie politischer Art. Auf gesetzlicher Ebene waren Präsident Obama bislang weitgehend die Hände gebunden, da sein Vorgänger im Weissen Haus, George W. Bush, staatliche Aufsichtsbehörden zu Handlangern von Konzernen degradiert hatte. Nun müssen Kontrollinstitutionen mit wirksamen Vollmachten gegenüber den mächtigen Ölkonzer- nen ausgestattet werden. Die Obama-Administration ist zu Recht unter Druck geraten: Ihr politisches Krisenmanagement liess bisher stark zu wünschen übrig. Die US-Bevölkerung will von ihrem Präsidenten nicht Schuldzuweisungen an andere hören, sondern erwartet von ihm entschlossenes Handeln. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist Obamas Absicht, Tiefsee-Bohrungen zu stoppen, vorerst für sechs Monate. Weitere Schritte müssen folgen, etwa in Form eines griffigen Energie- und Klimagesetzes. Denn letztendlich werden die Risiken der Energiegewinnung nicht beseitigt werden können, solange die USA - ebenso wie die übrige westliche Welt - mehr denn je auf die Versorgung mit Erdöl angewiesen sind.


Eine Reduktion dieser Abhängigkeit war bislang nicht in Sicht. Um diese zu erreichen, bedarf es eines gesellschaftlichen Umdenkens, hin zu einem ökologischen Umgang mit erneuerbaren, weniger risikoreichen Energieformen. Hierbei wiederum ist jeder und jede Einzelne gefordert, einen Beitrag zu einem sorgsameren privaten Umgang mit der Energie zu leisten.

 
ANZEIGE
 
Hauseigentümer Verband Zürich


 
updates: täglich / last major: august 2008 / konzept, design und realisation: zürichsee presse ag / peter gut / webmaster