Die Abwasserreinigung ist heutzutage auf einem hohen technischen Niveau, und die Wasserqualität der Schweizer Gewässer hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Doch immer mehr Chemikalien wie Pestizide und Rückstände von Körperpflegeprodukten, Reinigungsmitteln oder Medikamenten gelangen in den Wasserkreislauf.Solche organischen Spurenstoffe liegen im Bereich von Nano- bis Mikrogramm pro Liter, also verschwindend klein, weshalb man von «Mikroverunreinigung» spricht. Dennoch gibt es darunter Stoffe, die auch in minimalen Mengen Auswirkungen auf die Fische und möglicherweise sogar auf den Menschen haben können. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei hormonakti- ven Stoffen (Umwelthormone) wie 17a-Ethynilestradiol, einem östrogenen Wirkstoff der Antibabypille. Mikroverunreinigung im Zürichsee Im Thunersee hat man im Jahr 2000 bei den Felchen eine Verweiblichung festgestellt. «Ob dieses Phänomen auf die Belastung mit hormonaktiven Stoffen zurückzuführen ist, konnte bis heute nicht abschliessend geklärt werden», sagt Michael Schärer vom Eidgenössischen Departement für Umwelt. In anderen Schweizer Gewässern hat man darauf ebenfalls Untersuchungen vorgenommen, insbesondere bei Felchen. «Im Zürichsee konnten keine vergleichbaren Gonadenveränderungen festgestellt werden», weiss Wolfgang Bollack von der Medienstelle der Baudirektion Zürich. Eine Analyse des Zürichseewassers durch das kantonale Labor hat 2004 ergeben, dass sich darin minimalste Mengen von Arzneimittelrückständen befanden. Geringe Mengen des Antibiotikums Sulfamethoxazol und von vier unterschiedlichen Röntgenkonstrastmitteln waren vorhanden, jedoch noch keine hormonellen Stoffe. Auswirkungen auf den Menschen? Ein grosser Teil des Trinkwassers im Kanton Zürich kommt aus dem Zürichsee. Inwiefern allfällige hormonaktive Stoffe im Trinkwasser Auswirkungen auf den Menschen haben könnten, lässt sich nicht sagen. Darüber könne man nur spekulieren, heisst es in einer Publikation der Eawag, eines eidgenössischen Wasserforschung-Instituts. Es sei nicht gesichert, ob die Abnahme der Spermiendichte und -qualität, völlige Impotenz oder die Zunahme von Hodenkrebsfällen bei Männern auf die Belastung durch Umwelthormone zurückzuführen ist. Aber rund 550 Stoffe wirken störend auf den Hormonhaushalt von Mensch und Tier ein. Obwohl noch keine Befunde vorliegen, vermuten Spezialisten, dass gewisse Veränderungen beim Menschen wie die zunehmend verfrühte Geschlechtsreife bei Mädchen oder die wachsende Anzahl an Hermaphroditen (Menschen mit beiderlei Geschlechtsmerkmalen) auf eine gestiegene Hormonkonzentration im Trinkwasser zurückgeführt werden könnte. ARA ausbaufähig Trotz des guten Ausbaustandards der Schweizer Abwasserreinigungsanlagen (ARA) wird durch das herkömmliche Verfahren eine Mikroverunreinigung nicht verhindert. Lösungen zur Elimination von Mikroverunreinigungen sind zwar bekannt, aber die wenigsten ARA sind damit ausgerüstet. Die ARA Stäfa-Ürikon verfügt seit zwei Jahren über einen Membranbioreaktor, ein hochentwickeltes Reinigungssystem, das Mikroverunreinigungen und die Anzahl von Krankheitserregern im Wasser auf ein Minimum reduzieren soll. Messungen wurden jedoch noch keine vorgenommen. Markus Koch vom kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) erklärt: «Es ist immerhin zu erwarten, dass wegen des hohen Schlammalters der ARA Stäfa auch schwerer abbaubare Verbindungen besser eliminiert werden.» Tests, die man im Rahmen der Frage nach der Verweiblichung der Fische in den Gewässern durchgeführt hat, zeigen, dass Hormonrückstände im gereinigten Wasser alarmierende Auswirkungen auf den Fischbestand in den Flüssen haben können. So hat man über einen Zeitraum Fische beobachtet, die unterhalb einer Kläranlage im Fluss schwammen. Oberhalb der Kläranlage wurden Kontrollfische ins Wasser gesetzt. Bei den Fischen unterhalb des Klärwasseraustritts stellte man am Ende der Untersuchung eine deutliche Verweiblichung fest, während die Kontrollfische keine Veränderungen aufwiesen. Früher oder später wird es demzufolge für die Gemeinden unabdingbar werden, ihre Kläranlagen auf den neusten Stand der Technik zu bringen. |