Ist der Zürichsee so sauber, dass die Fische keine Nahrung mehr finden? Diese Frage taucht regelmässig auf, wenn Fischer am Zürichsee mal wieder leer ausgegangen sind. Früher, als rund um den See noch weniger gefiltert und gesäubert wurde, habe es mehr Fische gegeben, so die These. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Völlig aus der Luft gegriffen ist diese Behauptung nicht - aber zutreffend eben auch nicht.
Korrekt ist, dass sich die Qualität des Zürichseewassers in den letzten Jahrzehnten massiv verbessert hat. 2009 massen die Spezialisten des Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) im Zürichsee einen mitleren Phosphorgehalt von 0,023 Milligramm pro Liter. Das chemische Element Phosphor ist einer der wichtigsten Faktoren zur Beurteilung der Qualität eines Gewässers. Der für den Zürichsee definierte Zielwert, der bei 0,025 Milligramm Phosphor pro Liter Seewasser liegt, konnte letztes Jahr also erfüllt werden.
Weniger Gülle, weniger Phosphor In der Zeit nach 1900, als Abwässer mit der Schwemmkanalisation nahezu ungefiltert in den See gelangten, stieg der Phosphorgehalt stark an. Noch in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war der Phosphorgehalt im See fünfmal höher als heute.
Dass dies nicht mehr so ist, ist im Wesentlichen dem Bau und der ständigen Modernisierung der Abwasserreinigungsanlagen in den Gemeinden zu verdanken. Auch die zunehmende Extensivierung der Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle - je weniger Gülle und Dünger in ein Gewässer gelangen, desto tiefer die Phosphorbelastung. Heute kann man in der Regel bedenkenlos im Zürichsee baden und es ist auch nicht tragisch, wenn dabei hin und wieder ein Schluck Seewasser in den Magen gerät.
Aber: Auch wenn es als Faktor zur Beurteilung der Gewässerqualität verwendet wird, so ist Phosphor doch kein Giftstoff. Im Gegenteil. «Phosphor ist in der Natur ein gefragter Nährstoff», erklärt Pius Niederhauser von der Abteilung Gewässerschutz des Awel. Sämtliche Algenarten (Phytoplankton) benötigen es für ihr Wachstum. Die Algen sind die Nahrungsgrundlage des Zooplanktons, also von Kleinstorganismen. Diese wiederum dienen kleinen Fischen als Nahrung, die ihrerseits von grösseren Fischen gefressen werden.
Algenteppiche als Folge Im Grunde genommen ist Phosphor also nichts Schlechtes. Für das Leben in einem Gewässer ist es sogar unverzichtbar. Allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Ein zu hoher Phosphorgehalt in einem See kann unangenehme Folgen haben: So vermehren sich Grünalgen bei hohem Phosphorgehalt explosionsartig. Die Folge davon sind Algenteppiche, die ganze Uferbereiche «verkleben» können. Absterbende Algen reduzieren zudem den Sauerstoffgehalt am Grund des Gewässers. Seen und Flüsse mit sehr hohem Phosphorgehalt werden als eutroph (überdüngt) bezeichnet.
Bei kleineren Gewässern, in denen das Wasser lange Zeit verweilt, bis es abfliesst, ist die Gefahr einer solchen Überdüngung wesentlich grösser als in grösseren, schneller fliessenden Gewässern. So weisen beispielsweise der Lützelsee und der Hüttnersee höhere Phosphorwerte auf als der Zürichsee. Im Fall des Hüttnersees muss sogar ein künstliches Umwälzungssystem dafür sorgen, dass er nicht «kippt» und veralgt.
Fische: «Keine Korrelation» Die Nährstoffmenge im See reguliert und bestimmt die Populationsgrösse von Tieren und Pflanzen. Sinkt der Phosphorgehalt, so sinkt auch das Nahrungsangebot. An der Behauptung «je sauberer, desto weniger Fische» ist also durchaus etwas dran. Im Fall des Zürichsees ist die Sache aber komplizierter. «Es gibt gemäss unseren Statistiken keine Korrelation zwischen dem Phosphorgehalt und der Fischpopulation», sagt der Zürcher Fischereiadjunkt Andreas Hertig. Bei Speisefischen wie Egli, Albeli, Felchen oder Forelle seien die Fangzahlen seit den 60er Jahren etwa konstant, betont er. Dies, obwohl der Phosphorgehalt im See im selben Zeitraum stark abgenommen hat.
Die reinen Fangzahlen sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Dies, weil die Fischzuchtanlagen jährlich tausende von Fischen in den hiesigen Gewässern aussetzen - auch im Zürichsee. Wie sich die Fangzahlen entwickeln würden, wenn dies nicht mehr der Fall wäre, lässt sich nur schwer sagen. Vermutlich würden sie aber deutlich sinken.
Zürichsee wäre nährstoffarm Awel-Spezialist Pius Niederhauser betont, dass ein See ohnehin nicht «zu sauber» sein könne. «Wer so argumentiert, geht nur vom menschlichen Nutzungsaspekt aus - das hat mit der Natur nichts zu tun». Gemäss Niederhauser wäre der Zürichsee ohne die Einflüsse der Zivilisation sogar ein oligotropher, also ein sehr nährstoffarmer See. «Der Zürichsee hat viele Zuflüsse», sagt er. Es fliesst also viel Wasser in den See und dieses fliesst verhältnismässig schnell auch wieder heraus.
Zudem ist der Zürichsee an gewissen Stellen über 100 Meter tief, verfügt also über ein beachtliches Volumen und somit über grosse Sauerstoffvorräte in der Tiefe. Unter natürlichen Bedingungen läge der Phosphorgehalt im Zürichsee unter 0,01 Miligramm pro Liter. An einem solchen Zürichsee würden die Fischer wohl verzweifeln. «Ein naturbelassener See hätte zwar ein breiteres Artenspektrum, allerdings gäbe es zahlenmässig wohl weniger Fische», sagt Andreas Hertig. Dass es in absehbarer Zeit soweit kommen wird, bezweifelt aber Pius Niederhauser. «Wegen des Bevölkerungswachstums und dem zunehmenden Alter der Abwasserreinigungsanlagen wird das Halten des guten Zustands im Zürichsee in den kommenden Jahren zu einer Herausforderung werden», sagt er.
Walensee: Ertrag eingebrochen Wie ein naturbelassener, nicht von der menschlichen Zivilisation berührter Zürichsee aussehen könnte, zeigt sich ansatzweise einige Kilometer weiter östlich: Im Walensee. Dort haben die Fischer tatsächlich Grund zur Klage. Aus den selben Gründen wie im Zürichsee lag die Phosphorbelastung im Walensee in der ersten Hälfte des letzten Jahhrunderts wesentlich höher als heute.
Auch am Walensee wurden dann in den 60er und 70er Jahren Abwasser-Reinigungsanlagen gebaut. Mit dramatischen Konsequenzen: Die Fischbestände brachen ein. Zogen die Fischer 1975 noch über 70 000 Kilogramm Fisch an Land, so dümpelt der Fangertrag heute bei rund 10 000 Kilogramm pro Jahr. Bedauerlich ist das aber «nur» aus Sicht der Fischer. Ökologisch betrachtet kam es im Walensee schlichtweg zu einer Normalisierung, weil die künstliche Zufuhr von Nährstoffen sich verringerte.
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