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Seegeschichten
Zürichsee-Zeitung Rechtes Ufer / Samstag, 22. Mai 2010
 
«Passagiere sind preislich verwöhnt»
Schifffahrt Ständig steigende Passagierzahlen erzwingen Umbruch bei der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG)
 
Bis zum Herbst soll klar sein, wie das Angebot der ZSG ausgebaut wird. Zur Diskussion stehen unter anderem die Beschaffung neuer Schiffe und eine Preisanpassung, sagt Direktor Hans Dietrich.
Martin Steinegger
 
«Unsere Passagierzahlen und die Kilometer, die unsere Schiffe zurücklegen, sind in den letzten zehn Jahren massiv angestiegen»: ZSG-Direktor Hans Dietrich an Bord der «Panta Rhei». (Manuela Matt)
 


«Krise» ist für die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) ein Fremdwort: Diesen Eindruck bekommt zumindest, wer sich die Passagierzahlen des Unternehmens ansieht. Seit 2006 konnte die ZSG Jahr für Jahr neue Rekorde bei den Frequenzen vermelden. 2009 transportierten die Schiffe 1,83 Mio. Menschen auf dem Zürichsee - das sind eine halbe Million Passagiere mehr als noch vor zehn Jahren. Auch das jahrelange Hickhack um das schadhafte MS «Panta Rhei» hat offenbar keine bleibenden Schäden hinterlassen.


Einerseits ist das ein Grund zur Freude - andererseits schafft dieser noch nie dagewesene «Run» auf die Zürichsee-Flotte aber auch Probleme. Die Schiffe sind oft überfüllt, es fehlt an Platz, Passagiere müssen abgewiesen werden, die Technik ist am Anschlag, und das Personal kann die Bedürfnisse der vielen Menschen manchmal nur schwer erfüllen. Nun reagiert die ZSG: Das Angebot soll ausgebaut werden. Wie genau das geschehen soll, ist noch nicht ganz klar. Der Fächer sei jedoch «weit offen», betont ZSG-Direktor Hans Dietrich im Gespräch mit der «ZSZ».

In den letzten vier Jahren vermeldete die ZSG stets Passagierrekorde. Wie läuft es bisher in diesem Jahr?

Hans Dietrich: Bis Ende April lief es sehr gut. Wir waren etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Der Mai hat uns nun aber einen deutlichen Dämpfer verpasst. Schuld daran ist vor allem das schlechte Wetter.

Stichwort Wirtschaftskrise: Hat die ZSG davon etwas gespürt?

Im Grossen und Ganzen gesehen nicht. Wir scheinen weitgehend krisenresistent zu sein.

Weshalb?

Das hat wohl mit der Zusammensetzung und Herkunft unserer Kundschaft zu tun. In Wirtschaftskrisen benützen zwar weniger ausländische Gäste unsere Schiffe. Wir profitieren aber davon, dass viele Schweizer ihre Ferien nicht im Ausland, sondern hier verbringen - und die kommen dann vermehrt auf die Schiffe. Über 80 Prozent unserer Fahrgäste sind Schweizer.

ZSG-VR-Präsident Peter Weber betonte im vergangenen Sommer, dass die Kapazitätsgrenzen des Unternehmens erreicht seien - ein Ausbau sei unausweichlich. Tut sich bereits etwas?

In einem ersten Schritt haben wir eine umfangreiche Auslegeordnung gemacht. Wir haben unsere Strukturen analysiert, um herauszufinden, wo unsere Stärken und Schwächen liegen und welche Probleme daraus resultieren. Anhand dieser Analyse erarbeiten wir nun Massnahmen.

Wo liegen die grössten Probleme?

Unsere Passagierzahlen und die Kilometer, die unsere Schiffe zurücklegen, sind in den letzten zehn Jahren massiv angestiegen. Gleichzeitig haben sich aber die Zahl unserer Schiffe und unsere Personalstärke im selben Zeitraum nur geringfügig verändert. Diese Schere hat sich in den letzten paar Jahren immer weiter geöffnet.

Mit welchen Konsequenzen?

Wir können unsere Qualitätsstandards teilweise nicht mehr erfüllen. Die Schiffe sind speziell an schönen Tagen überfüllt. Das geht so weit, dass wir an den Anlegestellen Passagiere aus Platzgründen abweisen müssen. Es kommt zu Verzögerungen, wodurch beim Personal Hektik ausbrechen kann. Das wiederum sorgt für Unzufriedenheit bei den Passagieren. Aber auch die Technik wird übermässig beansprucht. So haben wir einen viel höheren Verschleiss, beispielsweise bei den Motoren, weil wir oft am Anschlag fahren. Wir mussten die Wartungszeiten für unsere Schiffsmotoren deshalb von 25 000 Stunden, wie von den Herstellern empfohlen, auf 15 000 Stunden reduzieren.

Wie wollen Sie diese Probleme lösen?

In einem ersten Schritt wollen wir die Information verbessern. An schönen Ausflugstagen setzen wir zum Beispiel am Bürkliplatz zusätzliches Personal ein. Diese ZSG-Mitarbeiter sollen das Gespräch suchen mit jenen Ausflüglern, die keinen Platz mehr finden auf den Kursschiffen. Im Sommer können das durchaus 40 bis 50 Leute auf einmal sein. Diese kann man nicht einfach so am Steg stehen lassen, sondern man muss sie über den Fahrplan und über Alternativen informieren. Weiter möchten wir an sämtlichen Anlegestellen das Informationsangebot technisch verbessern, beispielsweise durch die Installation von digitalen Info-Tafeln. Hierbei könnten wir auf das bereits vorhandene Know-how des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV) zurückgreifen, in dessen Verbundsystem wir ja eingegliedert sind.

Allein mit mehr Information werden Sie die steigenden Passagierzahlen aber nicht bewältigen können.

Dessen sind wir uns bewusst. Wir müssen noch mehr machen, um diese Herausforderung zu bewältigen. Weitere Massnahmen stehen deshalb zur Diskussion.

Von welchen Massnahmen reden wir? Kaufen Sie neue Schiffe?

Das ist eine Option, die ich derzeit weder bestätigen noch ausschliessen möchte. Die kommenden Monate werden zeigen, in welche Richtung es gehen wird. Ich kann so viel sagen, dass wir den Fächer weit geöffnet haben. Von der Verstärkung des Personals über eine Anpassung der Preise bis hin zur Anschaffung von neuen Kursschiffen ist alles möglich. Am Ende wird es vermutlich ein Mix aus allem sein.

Anpassung der Preispolitik: Das würde im Fall der ZSG eine Erhöhung der Preise bedeuten. Bei vielen Passagieren würde das aber für Ärger sorgen.

Wie gesagt, wir wollen nichts ausblenden. Auch eine Überprüfung unserer Preispolitik wird stattfinden. Natürlich stossen Preisveränderungen immer auf Widerstand. Allerdings muss man sich ganz allgemein bewusst sein, dass die ZSG ihre Kundschaft in den letzten 20 Jahren preislich regelrecht verwöhnt hat. Auf anderen Seen wie dem Vierwaldstättersee oder dem Genfersee ist das Schifffahren viel teurer. Nur unsere Einbindung in den ZVV ermöglicht uns derart günstige Tarife.

Wie steht es um den Obersee und den Standort Rapperswil? Dort besteht ja nach wie vor Nachholbedarf.

Auch hier tut sich etwas. Wenn alles gut läuft, können wir ab 2011 eine zusätzliche Obersee-Rundfahrt pro Tag anbieten. Von unserer Seite sind die Bedingungen erfüllt. Der Ball liegt nun bei den Gemeinden am Obersee. Viele Gemeinden, vor allem Rapperswil-Jona, wollen diese Rundfahrt. Aber weil diese Region nicht zum ZVV-Netz gehört, muss die Finanzierung von den Obersee-Anrainerkantonen und den Gemeinden geregelt werden. Das ist eine politische Diskussion, mit der die ZSG nichts zu tun hat.

Was kostet die Einführung einer solchen zusätzlichen Rundfahrt?

Eine zusätzliche Rundfahrt im Obersee kostet brutto etwa 300 000 Franken pro Jahr.

Noch eine Frage zur «Panta Rhei»: Nach der Einigung mit der Öswag-Werft im letzten Dezember kündigte die ZSG an, auch mit der deutschen Ingenieursfirma Buchloh einen Vergleich anstreben zu wollen. Wie sieht es derzeit aus?

Wir führen Gespräche mit der Firma Buchloh. Man hat sich darüber ausgetauscht, welche Fehler von welcher Seite begangen wurden. Die bisherigen Signale aus Deutschland sind positiv. Wir sind zuversichtlich, dass es zu einer Einigung kommen wird, wodurch der «Fall Panta Rhei» bald endgültig zu den Akten gelegt werden könnte.

Das Gezänk um die «Panta Rhei» hat also kein Trauma hinterlassen - sonst würden Sie nicht über die Beschaffung neuer Schiffe nachdenken.

(Lacht.) Nein, ich bin nicht traumatisiert. Im Gegenteil: Die ZSG ist meiner Meinung nach gestärkt aus dieser Sache hervorgegangen.

 
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