Die Idee ist einfach, aber bestechend: Statt 20 Jahre auf einen Bootsliegeplatz zu warten und viel Geld in ein Schiff zu investieren, nutzen und bewirtschaften die 2000 Mitglieder der Segel-Genossenschaft Sailcom gemeinsam 64 Boote schweizweit. An Zürich- und Obersee sind es ab heute 16 Segelschiffe. Wer ein Boot möchte, trägt sich analog zur Autoteilet-Genossenschaft Mobility per Telefon oder Internet in eine elektronische Datenbank ein - und los gehts. Bezahlt wird pro Stunde, je nach Bootstyp zwischen 23 und 60 Franken. Dazu kommt ein moderater Jahresbeitrag von 100 Franken und ein Anteilschein von 600 Franken, der Eintritt kostet einmalig 200 Franken. Die Rechnung scheint aufzugehen: Da alle Mitarbeiter ausser dem Geschäftsführer ehrenamtlich arbeiten, verfügt die Genossenschaft über genügend Kapital, um immer wieder neue Boote anschaffen zu können.
Das ist auch nötig, denn obwohl die Segel-Genossenschaft kaum Öffentlichkeitsarbeit betreibt, steigen die Mitgliederzahlen jährlich um 10 bis 15 Prozent. Segeln liegt im Trend: Schweizweit machen 2500 bis 3000 Personen pro Jahr einen Segelschein - und das bei einem äusserst beschränkten, gleichbleibenden Angebot an Bootsliegeplätzen. An Zürich- und Obersee ist die Situation besonders prekär. «Die Genossenschaft ist die einzige Lösung für diese wachsende Diskrepanz von Angebot und Nachfrage», sagt Silvio Kippe, Regionalleiter Zürich/Ostschweiz von Sailcom. Er selbst, ein angefressener Segler, Skipper und Segellehrer, ist seit dem Jahr 2000 Sailcom-Mitglied. Sein eigenes Segelschiff hat er der Genossenschaft verkauft, die Yacht «Papageno» liegt im JMS-Hafen bei Schmerikon.
Sailcom profitiert von Finanzkrise Insbesondere grössere Familienboote sind diesen Sommer sehr gefragt unter den Sailcom-Mitgliedern. Eine Kabinenyacht am Bodensee war bereits im Februar bis zum September ausgebucht. Silvio Kippe nimmt an, dass wegen der Finanzkrise viele Familien in den Ferien nicht ins Ausland verreisen. Auch an Zürich- und Obersee sind die Sailcom-Boote sehr gut ausgelastet: Etwa ein Drittel der Genossenschafter lebt und segelt in der Region. So liegt das jüngste Mitglied der Sailcom-Flotte in Erlenbach. Das Folkeboot, eine robuste Familienyacht Jahrgang 1983, wird heute getauft (siehe Kasten). Silvio Kippe hat das Occasions-Segelschiff am Thunersee entdeckt. «Es war Liebe auf den ersten Blick», sagt er. Eine Genossenschaft kann keine hypersensiblen Hightechboote brauchen, sondern sie sucht stabile Schiffe, welche auch die Fehler wenig versierter Skipper verzeihen.
Wenn Silvio Kippe ein Segelboot in einem Hafen liegen sieht, an dessen Wasserlinie der Dreck eingetrocknet ist, dann tut ihm das Herz weh. Und Boote, die kaum genutzt werden, gibt es viele am Zürichsee. Sie besetzen die raren Bootsliegeplätze, während passionierte Segler auf dem Trockenen sitzen. Vielen Bootsbesitzern fehlt die Zeit für ihr Hobby - oder sie haben das Schiff geerbt und wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Mit solchen Bootsbesitzern geht Sailcom Nutzungsverträge ein - doch viele Seegemeinden verbieten in ihren Häfen sogenannte Eignergemeinschaften. «Ein Boot, ein Besitzer» lautet die Devise. «Diese Einstellung stammt noch aus der Zeit, als Segeln ein Herrensport war», sagt Kippe.
Hafenverordnung ändern Ein weiteres Problem ist für Sailcom, dass manche Gemeinden nicht wollen, dass ihre Bootsplätze kommerziell genutzt werden. Sailcom ist zwar eine Genossenschaft, doch da sie Gebühren für die Nutzung ihrer Boote einzieht, gilt ihr Tun als kommerziell. «Es ist nicht Sinn der Sache, dass Leute mit einem öffentlichen Bootsplatz Geld machen», begründet etwa der Kilchberger Gemeindeschreiber Bernhard Bürgisser auf Anfrage. Laut Silvio Kippe ist Sailcom im Gespräch mit mehreren Gemeinden, um eine Änderung der Hafenverordnung zu erwirken.
Die Ähnlichkeit von Sailcom und Mobility ist kein Zufall: Das Segelschiff- Teilen wurde ab 1991 innerhalb der Vorgänger-Genossenschaft von Mobility organisiert. Als eigene Genossenschaft wurde Sailcom 1998 gegründet.
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