Kommentar
Online seit 19.01.2012 0:00
Den Stecker gezogen
Peter Hasler über das Ende von Xamax Neuenburg
von Peter Hasler

Der Totalcrash in Neuenburg ist nach dem «Fall Sion» ein weiteres Debakel für den Schweizer Profifussball. Schuldige gibts wie Sand am Meer: Bulat Tschagajew in erster Linie, dann Ex-Präsident Sylvio Bernasconi, aber auch die blauäugige Swiss Football League (SFL).

Nicht der zwielichtige Tschagajew allein hat den Traditionsklub Xamax ins Elend geritten. Die Neuenburger standen schon früher unter Bernasconi mit dem Rücken zur Wand. Er hätte den Klub niemals diesem dubiosen «Geschäftsmann» aus Tschetschenien verkaufen dürfen. Doch Bernasconi wollte einfach so viel Geld wie möglich absahnen. Das war unehrenhaft, und dafür muss der Verein nun büssen. Tschagajew ist lediglich das letzte Glied in einer langen Kette von Fehlern.

Grobe Fahrlässigkeit und eine gehörige Portion Naivität muss sich die Swiss Football League vorwerfen lassen. Man akzeptierte die Klub-Übernahme kritiklos, weil das Geld dieses Blenders zu sprudeln schien. Tschagajews Motivation für den Einstieg bei Xamax war von Beginn an min-destens so nebulös wie seine finanziellen Verhältnisse.

Erst im letzten Herbst zu spät hat die SFL ein neues Reglement für die Lizenzvergabe aufgestellt, um solche Fälle in Zukunft zu verhindern. Mit dem neuen Reglement will die SFL mehr Einblick haben, wenn Klubs den Besitzer wechseln. Bisher war dies ein Geschäft zwischen altem und neuem Eigentümer und tangierte die Liga nicht. Bei Xamax war das noch nicht der Fall. Die Lizenz wurde aufgrund der Angaben und Dokumente des früheren Präsidenten Sylvio Bernasconi erteilt. Nach der Übernahme durch Tschagajew musste der Nachweis der Verfügbarkeit von finanziellen Mitteln durch den neuen Besitzer nicht nochmals erbracht werden.

Was jetzt in Neuenburg passierte, ist einfach nur himmeltraurig. Eine ganze Region wird für die Misswirtschaft bestraft. Was mit Xamax geschieht, ist extrem schade. Der kleine, sympathische Verein hat grosse Zeiten erlebt und in legendären Europacup-Spielen unter Trainer Gilbert Gress für viele positive Schlagzeilen gesorgt. In kurzer Zeit wurde das Lebenswerk des ehemaligen Präsidenten Gilbert Facchinetti zerstört. Es ist ein Jammer für einen Klub mit einem schmucken, neuen Stadion.